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°kolumneANSICHTSSACHENAuf Nimmerwiedersehen - LIEBESPARADE
Schluss, Aus, Finito – das war’s dann also. Und was für ein Abgang – ein epochal trauriger.
Die seit Jahren nur noch leichengefledderte Grundidee von Liebe, Musik und Toleranz hat nun zum zweiten Mal Opfer gefordert. Es waren Menschen, die dem gleichen Alter der hier gerade Lesenden entsprachen. Die sich für dieses eine Wochenende einer Party hingeben wollten, die mit Toleranz, religionübergreifender Akzeptanz und Liebe warb. Die über 15 Jahre als Garant für ausgelassenes Mainstreamfeiern mit Gaffern und Proleten stand und nur noch entfernt den kleinen spirituellen Gedanken eines Matthias Roeingh (Dr. Motte) in sich trug, um mittlerweile drei Generationen mit dem Funken von Musik die Welt für einen kurzen Moment zu verbessern. Ich muss zugeben, als ich erstmals mit Tiny 1990 oder 91 mit meinem blauen, lichtmaschinenkaputten Wartburg zur Loveparade fuhr, war ich noch voller Staunen für eine Welt des Kapitalismus und seiner industrielockenden Freiheitslügen in CocaCola-Rot. Wir fuhren in ein Land namens Westberlin. Einen Club namens E-Werk und mit einer Vorfreude auf eine Parade, die meine ACID-HOUSE- und KRAFTWERKwelt für immer und bis heute anhaltend beeinflussen sollte. Und wir haben eine neugewonnene Freiheit gelebt, die nur Wenige bis dato verstehen konnten oder wollten. Eine Revolution der Töne. Ein unaufhörlicher Siegeszug des Viervierteltaktes in seiner Teils reinsten Form – den Drums – oft sporadisch gepaart mit Vocals, Samples, Strings oder groovenden ACID-BASSLines. Wir waren nicht viele, aber wie emsige Missionare, die wochenendlich neue Adepten zu den illegalen Partys in Abrisshäusern, Werkshallen oder Steinbrüchen lockten. Wir waren jung und unerfahren, doch wir spürten, dass wir eine Familie waren, denn bis 1994 gab es höchstens 200.000 „RAVER“ deutschlandweit. Die Parade war der perfekte Indikator dafür, mit welcher Macht sich binnen fünf Jahren eine Musikkultur ihren Weg in eine wilde, von Aufbruch geprägte Welt bahnte. Wir waren in den NFLs plötzlich alle in einem „rechtsfreien“ Raum, der alles zu ermöglichen schien. Der nach Beatles, Woodstock und HipHop eine neue Ära für eine neue Jugendkultur bot. Der die großen Massenbewegungen der vorangegangenen Jahrzehnte vereinte, adaptierte und perfektionierte. SEX, Drogen und eine gehörige Portion neuer Musikrichtungen, basierend auf elektronischer Synthese von Korg, Roland, YAMAHA und den Millionen Ideen aus 40 Jahren Plattenschrank, zum digitalen Verwursteln und neu definieren. Und wir experimentierten. Mit allem was zur Verfügung stand. Musikalisch, pflanzlich oder chemisch und was keine montaglichen Ausfälle verursachte. Jedenfalls so gut es ging. Wir liebten uns in Schlamm zu Livemusik und lernten das Leben in unseren Zwanzigern kennen, sahen Welten morbider Kellergeschosse und strahlend farbenfroher Glückseeligkeit. Wir schufen eine neue Welt, die Plattenindustrie und Produzenten zu Göttern erhob. Wo „Live“ auf den Flyern stand, war auch „Live“ zu sehen. Nicht aus den Laptops kommend, sondern von Musikern aus digitalen Instrumenten wie 909, 303, 808, DX7 oder Samplestationen programmiert – arbeitsreich und kabelumgarnt präsentiert. Wo man nicht nur „Ableton live“, „Rebirth“ oder „Fruityloops“ startete, sondern tagelang im verdunkelten Zimmer an einem Song tippte, schrieb und einspeicherte. Die postpubertäre und oft und gern überstrapazierte Frage, auch von Thamash beim TECHNOMEETING im Wettbüro, „ob denn früher alles besser war“ kann ich nur so beantworten: Es war eine geile – andere - Zeit. Neu, schrill, aufregend – denn diese Musik gab es noch nicht. Jede Woche kamen neue Ideen in die Plattenläden. Jeden Monat kam ein neuer Stil auf die 1210er und verwirrten, weckten Neugierde oder begeisterten. Jedes Jahr stieg die Schar derer, die sich nicht mehr der Musik in ihrer ganzen Breite verschließen konnten. Jedes Jahr standen mehr in Berlin auf der Matte bei Motte und „Raveten“. Jedes Jahr tauchten mehr Enthusiasten aus den heimischen Versuchslaboren auf, um vor der Masse ihr Können an den Decks zu testen. Und wie sie alle hießen. DJ D, Darkwing, Tiny, Ownplanet, H.E.I.K.O., Hardsequenzer (Hardy Hard), Doorkeeper, Merk, Schindi, Teufel, Gunja, Lexy. Alles Freunde, alles Musikliebhaber – alle eine Dresdner Familie ohne Hintergedanken von Mainstream oder Geld. Alle heute noch verschworen im Geiste, die sich wie damals auf Party die Hand schüttelten und lachten. Aus meiner Sicht war die geilste Loveparade im Jahr 1994. Nicht mehr als 120.000 konnten noch zu ihrer/unserer Musik auf teils simpel, teils schön beschmückten LKWs über den Kurfürstendamm - von einem Ende zum anderen und zurück - ihren Lebensinhalt, Stil und Traum präsentieren. Liebe, Toleranz und Verständnis waren unser Leitfaden – das oberste Gebot unserer Generation. Im Leben und auf der Tanzfläche. Ungläubig staunende Großmütter mit Waldi, Familien und Touristen lachten und wippten mit uns zum Takt eines jeden Wagens. Wir konnten noch die Freiheit demonstrieren und hinter dem Wagen mit der uns genehmsten Musik tanzend folgen. Wir hatten einen Weg und ein Ziel. Wir waren wie Joe Kittinger auf dem Weg zum Firmament. Jeder Zeit bereit den höchsten Sprung unseres Daseins zu wagen. Ob vom Fabik-Wagen oder der letzten Stufe des Tresors. Doch jeder Aufstieg kennt auch den Abstieg. Als im Jahr 1995 erstmals die Besucherzahl die Marke 500.000 erreichte, von der damals nur ein Bruchteil wirklich noch die Musik als ihren Lebensweg ansahen, und die Nebenstraßen des KUDAMMs verstopften, war es vorbei mit dem Gedanken „Love, Peace and Harmony“. Der unersättlich monetäre Krake begann zu wachsen. Aus einer Demo wurde ein Macht- und Marketinginstrument. Ein Dämon mit heuchlerisch grinsender Fratze, die aus einer kleinen DEMO mit Handshake zu RTL2, Redbull und Camel der Glättung aller Untergrundkanten die Techno ebenfalls ausmachten, abfrästen. Hardcore, Gabba, Drum´n´Bass – alles wurde von der Loveparade gestrichen, um dem geneigten Zuschauer eine möglichst glatte und einheitliche Struktur zu bieten. Es war chic, bei der LP dabei zu sein, mit Bierdose in der Hand und SUNshine-Basecap. Der Identitätsverlust einer sich steil aufwärts bewegenden Sinuskurve in den Köpfen der Aktivisten der ersten Stunde machte sich mit jedem weiteren Jahr bemerkbar und führte 2006 zum endgültigen Austritt Mottes nebst Wegbestreitern. Ob sie sich in den vergangenen Jahren gesundgestoßen haben, ihren Namen vergrößerten, um mehr Gigs zu bekommen oder alles verkokst haben, kann ich nicht objektiv beurteilen. Für mich gab es nur vier Jahre eine Love-DEMO-Parade. Von 90-94. Punkt! Und nun? Nun stehen wir vor einer leeren Hülle phrasengedroschener Lügen der Verantwortlichen, die aus Profitgier, Steuerabschreibung und Machtbesessenheit 22 Menschen das Leben kostete. Nicht 21. Es waren 22, denn schon vor einigen Jahren starb ein Mann in Berlin. Doch der war schon längst mit der Schockbelebung des Herrn Schaller vergessen. Das war sie also. Die letzte Party. Der letzte Schrei. Das große "Danke" der Medien im Sommerloch, das selbst abgehalfterte Naziverehrerinnen wie Eva Herrmann zum Verhöhnen der Opfer bewegte. BILD hat endlich mal wieder täglich Opfer zu zeigen und keine Stunde vergeht bis heute, in der nicht noch mehr entsetzlich inhaltslose Fakten ans Licht kommen, mit der die deutschen Presse einen ganzen Monat Futter in die Hirntoten TV-Voyeure pflanzen wird. Und von Beileid natürlich keine Spur. Ich kann nicht trauern, denn mir fehlt der Bezug. Die Parade war schon lange nicht mehr das, was sie einst gewesen. Das etwas entsetzliches wie am Samstag kommen mußte, war abzusehen. Trotz allem denke ich an die Hinterbliebenen und fühle mich - unfrei - bei meinen Erinnerungen an die Anfänge. Somit wurde die letzte Errungenschaft einer musikalischen Revolution am Samstag nicht nur im übertragenen Sinne zu Grabe getragen. Möge sie nun endlich und ohne erneute Exhumierung in den Gedanken an einen heißen, musikvollen Samstag im Juni – wo sie eigentlich immer stattfand - mit tollen Erinnerungen ruhen.
Tomo enO (29.07.2010)
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