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Ansichtssachenweiß in der stadt |
°kolumneAnsichtssachenweiß in der stadt
als ich nach fürth mit der karre vom direktor bretterte, um meinen radstar anzufeuern, waren seine hauptkonkurrenten nicht am start,
folglich hätte er, unter normalen umständen, alle in grund und boden gefahren, die ersten beiden runden war er vorne an zweiter oder dritter position dabei, mach EASY STREET, brüllte ich ihm an der treppe entgegen, na er wird erst mal sich die sache entspannt anschauen und die anderen da tempo machen lassen, so dachte ich, aber in der vierten runde ließ er abreißen und fuhr selbst irgendwelchen unbekannten grünschnäbligen nachwuchsfahrern hinterher, war es ein defekt?, nein kein defekt, sagte mir mit schulterzucken der mechaniker an der wechselstation...so ließ ich traurig die kamera sinken und stiefelte abseits der rennstrecke durch blätter und gestrüpp planlos im fürther stadtwald. dafür war ich 335 kilometer einfache strecke mit dem auto gefahren, insgesamt also 670 kilometer an einem sonntag im november, um ein radrennen von 1 stunde und den radstar hinterherfahren zu sehen, nein, das war nicht meine absicht, also wandte ich mich wie gesagt ab, blickte nach unten und wusste nicht, was mit der restlichen zeit anfangen, die bratwürste waren ausverkauft, ein redbull-geländewagen mit eingebautem fernseher zeigte actionvideos von anderen sportlern und lebensmüden, das bedeutete etwas ablenkung...nach dem zieleinlauf kündigte der radstar mit leicht geröteten augen weitere arztbesuche an, er hatte probleme mit dem luftholen und konnte nur 60 prozent fahren....da halfen auch nicht die aus seinem vw bus dröhnenden rage against the machine, mit welchen er sich auf der rolle warmfuhr... auf der rückfahrt holte ich eine lettische mitfahrerin vom fürther bahnhof ab, kurz nach dem start fragte sie mich nach der ps zahl und erbat eine reisegeschwindigkeit von durchschnittlich 160 km/h. ich verwies auf die geschwindigkeitbegrenzungsschilder im raum erlangen und versprach eine der witterungslage angepasste behandlung vom gaspedal, zügige fahrweise nicht ausgeschlossen. nach einem autobahn kreuz beschleunigte ich ganz normal im vierten - sie sagte resolut: das ist der falsche gang. in dresden bekam ich 15 euro, das senkte die unkosten auf geschätzte 75 euro. alaunstraße, es schneit. der jackenladenbesitzer bietet mir winterjacken zum sonderpreis an, er kann nicht wissen, daß ich radkleidungstechnisch, auch für den winter, bestens ausgerüstet bin, ich sage nur PEARL IZUMI, GORE TEX; CRAFT underwear, denke ich nun im cafe am meer in der rothenburger, wo die südländische bedienung mir nicht den namen des angebotenen kuchen(s) nennen kann. ich bestellte das und noch ein anderes teil und sage ihr beim bezahlen, daß es sich wahrscheinlich um einen apfelähnlichen kuchen handeln müsse... abends gegen halb zehn auf dem weg zum electric büro - auch jetzt noch rollt die blechlawine beständig, aber das stört nicht, denn der schall wird durch das große weiß erheblich gesenkt, passanten stolpern über weiße hügel, na und ein paar unverbesserliche ladies in hochhackigen schwarzen fußummantelungen sind auch dabei, nun - wer gut aussehen will, muss schon mal einen bruch riskieren. winterspaziergang: ich treffe den verleger mit nasenbluten, an seiner seite eine junge dame, sie scheint auch in literatur zu machen. wir unterhalten uns kurz über einen deutsch-schweizerischen lyrikherausgeber, der gerade pleite geht, irgendein mäzen ist abgesprungen - denke ich beruhigt bei meinem langezogen winterspaziergang . die ganze stadt arbeitet oder steht im stau, ich flaniere, atme flußluft, entwickel strategien im restaurant schillergarten, zum beispiel eine preiserhöhung fürs sterni. kreuzung königsbrücker: hier beschleunigen die winde enorm und treiben die schneeflocken parallel zum fußweg, der schwarze rockmusiker grüßt mich aus einem golf III, von einem groupie gesteuert. ich beglückwünsche ihn zu seinem neuen drummer. am asia shop, der zugigsten aller ecken, hängt die mitarbeiterin stoisch je nach wetterlage ihre kleidungsstücke mit ganz merkwürdigen farben...auf und... wieder ab. seltenst sieht man kunden im geschäft, aber die 3000 euro miete werden manchmal bis zu drei monate im voraus anstandslos gezahlt. der layouter vom magazin: ist schon mehrere wochen eingeschlafen. ich verliere die geduld und klingel mittags an seiner bruchbude im EG, nach einer geschätzten dreiviertel minute macht ein junges mädchen im morgenmantel auf, kann mir aber auch nicht weiterhelfen. wohnzimmer auf der alaunstraße: matinee mit max rademann. er spielt orgel, singt songs und liest stories aus dem erzgebirge. ich unterhalte mich mit meiner begleitung über geschlechtskrankheiten, denn der latte machiatto ist viel zu heiß, erst nach sieben minuten kann ich ihn mit der serviette umfassen und im sofa fläzend schlürfen. die leute sind vom rademann begeistert, verlangen zugabe und das macht mich schon ein bißchen neidisch...
tg (28.12.2010)
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