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°kolumneAnsichtssachenkolumne nummer vierzehn – der kurzurlaub
tag 1
ihre oma in swinemünde hat probleme mit der wasserpumpe, wir müssen umdisponieren, sie hat was 300 kilometer östlich organisiert. bei stettin gibts eine etwas andere tankeinlage, sie geht aufs wc und beim wiedereinsteigen zeigt einer der vier grobschlächtig neben uns pausierenden sein hinterteil, dabei irgendwas alkoholisiert brabbelnd und gestikulierend…was haben sie gesagt? das war irgendein slang, den sie nicht verstanden hat, das müssen bulgaren gewesen sein….ich sage, okay, einigen wir uns auf ein selten auftretendes naturereignis, das hier vier bulgaren in einem auto mit polnischen kennzeichen die umgangsgewohnheiten in mitteleuropa noch nicht so ganz verinnerlicht haben… das appartement in wladyslawowo stellt sich als zwergenherberge heraus - kleine ca 10 qm kabinen, in unserer links ein kleines kinderbett, in der mitte ein schmaler gang und rechts ein normalgrößenbett, neben dem kopfkissen befindet sich praktischerweise der stecker für den brummkühlschrank. ich ziehe. die armaturen und silikonfugen im bad sind auch schon angeranzt. tag 2 das fenster auf kipp stellen ist aus spionagegründen nicht möglich, wir befinden uns im erdgeschoss. so verrichten wir unsere tägliche morgengymnastik ohne luftzug, nach und nach stellen sich suptropische gefühle ein, meine rennradform hält länger als gedacht. von draußen und den nachbarzimmern dringt eine geräuschkulisse aus staubsauger, kinderstimmen und nicht näher definierten reinigungsarbeiten. mit joachim schäfers baroque-concerto-cd fahren wir auf die halbinsel hel (deutsch hela), eine 30 kilometer landzunge. wir halten an einer coolen strandbar in kuznica, es ist 12: 55 Uhr, frühstück gibt’s nur bis 12 Uhr, in lautem deutsch beschwere ich mich richtung meer, daß die sich am blumenau mal ein beispiel nehmen sollen, dort gibt’s frühstück bis 15 uhr - wir bestellen kaffee und pizza. statt stilvoller bäderarchitektur wie zum beispiel auf usedom findet man hier sozialistisch betonierte quadratwürfel der übelsten sorte, eine einheitliche gestaltung ist nicht erkennbar, offenbar werden bauenehmigungen wie warme brötchen verteilt. in dem gleichnamigen dorf hel einige rote sehr alte backsteinhäuser, die tagsüber von spielzeug- und nippeshändlern verdeckt werden, zwei blaskapellen übertröten sich gegenseitig. ich kaufe ein mittleres softeis, das ist ca. 30 centimeter hoch, ich verfluche und esse es. nach 15 minuten waldweg erreichen wir das baltische meer. ich versuche mich im strandjogging, die ersten meter verwandle ich mich in einen alten stotternden traktor, meine brustmuskeln wippen wie brüste, ich halte 20 minuten durch. tag 3 wir wechseln die unterkunft und haben ein schönes zimmer für 100 zloty pro nacht, das macht 12, 50 euro pro person. die frühstückssuche erweist sich erneut als schwierig - wir nehmen das restaurant kutter und befehlen der kellnerin erst einmal, den polnischen popschlager leiser zu drehen. das frühstück kostet 16 zloty pro person incl. kaffee, macht vier euro. am strand besinne ich mich auf meine alten qualitäten und absolviere einen - achtung achtung -anderthalbstündigen wellnesslauf - da lernt man strandregionen ohne personen kennen. abends ein klassischer seebrücken spaziergang in jurata - neue appartementbauten, grillenzirpen, ein exclusives modegeschäft mit einer häßlichen fummeljacke für 4500 zloty gleich 1100 euro könnte in zukunft die upperclass anlocken… vielleicht auch die torpedobeobachtungstürme in der bucht, die die deutschen damals zu testzwecken aufgebaut haben. tag 4 hahnengeschrei gegen 6 uhr vermittelt dörfliche idylle, beim frühstück rufe ich meine mails ab - die rechtsanwältin will 2196,74 euro. kurz nach 13 uhr erreichen wir das meer - strandleben ende august: die see rauscht beständig, ein leichter wind geht, die besucher verteilen sich, ich lese, trinke kaffee und lasse mich kraulen. tag 5 morgens ruft ihre mutter an, mit links telefoniert sie, mit rechts massiert sie meine große zehe. wir frühstücken im cafe norda, auch hier 16 zloty. als musikalische untermalung eine art fürchterlichste polnische acapella-musik, wir beschweren uns, sie switchen um auf ausgeleierte jazz-standards, is okay…übrigens wird mein sohn heute eingeschult - ich darf nicht dabei sein, da kann ich auch in polen abhängen. es regnet, wir packen und fahren zu ihrem cousin nach danzig. er bewohnt dort eine von seinen eltern gesponserte eigentumswohnung. neben heruntergekommen fabrikgebäuden unweit der autobahn, ebenso unweit des flughafens eine eingezäunte anlage über mehrere etagen und blocks verteilt, auch hier läßt sich über geschmäcker streiten. wir fahren in die historische innenstadt, sehr alte häuser, kirchen, kathedralen, die baumeister von früher hatten zweifelsfrei stil. an einer solidarnosc-kirche ein auflauf von veteranen in polnischen fahnen, drinnen eine messe, irgendein feiertag…andreas paul ruft an und fragt nach einer kritik für sein marathon-gedicht. wir vier gehen essen und danach in die brovarnia-brauerei, der cousin klaut elegant bier vom nachbartisch, die machen gerade rauchpause. auf dem nachhauseweg kaufe ich in einem 24stundenshop ein somersby-bier, das schmeckt lecker nach apfel. tag 6 vor dem aufstehen flüstert meine begleitung, daß sie in ihrem bisherigen leben noch nie so angetan war wie in diesen tagen - als aufmunterung überlasse ich ihr für den resttag ein orginal dynamodresden-trikot von michael lerchl, mit welchem sie zum frühstück erscheint. danach gehts zu einem fetten zisterzienserkloster, weiter nach sopot mit europas größter seebrücke - die betrete ich nicht sondern entscheide mich für 40 minuten rumpeljogging am überfüllten strand. abends rückfahrt, dreihundert kilometer landstraße schaffen wir in drei stunden, bevor wir die deutsche autobahn hinter stettin erreichen - gegen 3 uhr nachts sind wir zu hause. pause.
goldberg (02.10.2012)
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