[banq.de - Kopfbild] 06.12.2016: "versteckspiel" von Yenidze
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Labelportrait

Melted Recordings

Ein Elbtal hat ja immer 2 Seiten. Im neustädter Volksmund tauchen diese beiden Elbseiten im Falle von Dresden oft ganz illustrativ als gute und böse Elbseite auf. Dabei gibt es durchaus musikalisch gutes von der vermeintlich bösen Elbseite.

Betrachtet man die Zusammenhänge genauer, gestaltet sich der Stadtteil Striesen nicht nur als der Ort mit der besten Eisdiele der Stadt, sondern als grüne Oase und Ruhepol der Dresdner Detroit- und Dubtechno-Riege, allem voran dem wiederauferlegten Melted Recordings. Und auch Etui Records und Placid Records haben ihren Ursprung in Striesen. Vielleicht ist es der Blick auf die Elbhänge, das viele Grün fernab des Tumults der guten Elbseite oder eben doch das beste Softeis der Stadt, welches sich in der besonderen Melancholie der Musik von da wiederspiegelt.

Der Ursprung von Melted Recordings geht dabei auf das Ende der 90iger Jahre zurück. Doch die musikalische Geschichte von Labelbetreiber Karsten Peters begann schon Anfang der 80er. Kraftwerk, Yello oder Jean-Michel Jarre weckten in ihm die Liebe zur elektronischen Musik.

In den 90ern folgte dann der Einstieg ins Partyleben und Plattenkaufen in Freiburg/ Schwarzwald, vom Boom von House/Techno bis hin zu den Anfängen gebrochener Beats. Später setzte sich die Geschichte nahe Köln mit detroitlastigem purem Acid-Sound, Atari- bzw. Amiga-Samples und roughen Drums fort. Eine Soundästhetik die dem Label bis heute wichtig ist. Sie gibt dieser Musik ihre Authenzität. Techno eben.

Nach einer kleinen Ruhepause legte er im Herbst 2010 das Label wieder auf. Nachdem nun Release Nummer 7 von Kryptic Universe beim Presswerk ist, nutzen wir die Gelegenheit für ein paar Fragen an den Mann im Hintergrund.

banq.de: Du bist mit Techno in einer Zeit groß geworden, als es noch in alten Industriehallen und Bunkern stattfand und rau und hart war. Was hat dich daran so fasziniert?
Karsten: Auch wenn ich ja damals noch nicht in Dresden gewohnt habe, richtige Untergrundparties waren überall in Deutschland, bis auf wenige Ausnahmen oder die eine oder andere Großveranstaltung, immer in solchen, oft illegalen und betonlastigen, Industrie-Locations.

Als „Partyhopper“ bin ich selber zu dieser Zeit quer durch Deutschland und ins Ausland gefahren. So etwas heftiges als Umfeld zu diesem herben Sound unterstreicht natürlich insbesondere bei Techno die Intensität. Auch wenn der Kult bei allen, die dies damals lieben gelernt haben, mit auf solchen „Raves“, wie man damals sagte, basiert: mir ging es schon immer nur um den Kick durch die Musik, selbstverständlich schön laut ;-)

banq.de: Und dass hat dich so sehr fasziniert, dass du selber angefangen hast Musik zu produzieren?
Karsten: Schon nach zwei Jahren, in denen ich völlig in der neuen Szene aufgegangen bin, habe ich begonnen, 1993 Geräte zu kaufen - von ein paar Roland-Maschinen bis hin zu professioneller digitaler Hard- und Software zum Abmischen.

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Kurz bevor ich Ende 1994 nach Dresden gekommen bin, habe ich im Kölner Raum dann nicht nur kurz mit dem einen oder anderen der bekannten Leuten des heutigen Kompakt (damals noch Delirum Köln) zu tun gehabt, sondern auch Bleed und Triple R kennengelernt. Auf deren bekanntem Cosmic Orgasm "Rave" spielte ich unter meinem Synonym Macrospace sogar kurzfristig live.

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Bleed hat dann in Berlin sein Magazin "Buzz" gegründet, was er wegen Markenrechten in De-Bug umbenannt hatte. Den Kontakt zu Claus Bachor hab ich auch schon seit damals, als ich 1994 "nahe Bonn" einen Liveact für einen guten Freund von ihm gemacht habe.

Dass aus meinen Pre-Dresden produzieren Tracks nie eine Pressung geworden ist, ist zwar schade, aber auch größtenteils kein Wunder bei den schrägen Sachen. Ich habe über die Jahre regelmäßig den Sound und das Equipment komplett gewechselt, um auch Neues auszuprobieren. Releases gibt’s aber, trotz der ganzen Zeit, von mir fast gar nicht, insbesondere keine von mir ganz alleine.

Digital fange ich grad an, alles öffentlicher zu machen und im Netz zum Anhören anzubieten.
Was bei mir schon immer Punkt war: ich möchte live machen – ich war ja nie DJ.

Cid-core live at 2. Housepost Birthday Party 1994-11-11

banq.de: 1994 bist du nach Dresden gezogen, eine Zeit, in der Dresden nicht nur als Partyhochburg des Ostens galt, sondern langsam den Beinamen "little detroit from the east" von DJs aus aller Welt verpasst bekam. Wie waren für dich die Unterschiede zwischen Ost- und West-Techno und wie hast du hier Anschluss gefunden?
Karsten: Ob es einen Unterschied zwischen Ost und West gibt, möchte ich gar nicht beantworten. Nach Ostberlin hin hatte ich schon vor der Dresdner Zeit gute Kontakte, zwei Freunde wohnten quasi direkt beim "Bunker" und kamen aus klassischen, wenn auch schrägen, Künstlerfamilien. Der Unterschied ist bis heute eher ein regionaler, meine ich. Ich habe etliche Trends mitgemacht oder zumindest mitbekommen, verschiedene Leute, die ich irgendwo kenne, mögen auch heute die gleiche Musik – wie damals auch schon, nur eben damals war es das, was aktuell war.

Ja, und schon wenige Tage nachdem ich hier war und noch nicht einmal eine Wohnung hatte, war klar, dass ich Anschluss an die Szene hier brauchte. Über einen Zufall eines Treffens von einem Freund von DJ Bonsai hab ich schnell Kontakt gefunden und war auch gleich Kunde im damaligen "Hard Wax Dresden" in der Friedrichstadt. Da ich damals meine analoge Musiktechnik abgestoßen habe, waren schnell ein Haufen Leute in meiner ersten Wohnung in Laubegast. Mit einigen davon hab ich noch heute Kontakt bzw. eine gute Freundschaft.

Aber Fakt ist: mein Herz ist insbesondere beim Detroit-Techno. Natürlich hab ich vor knapp 20 Jahren meine "Erleuchtung" über UR und +8 gehabt, aber nur hier, in Dresden, sehe ich so eine eiserne, mit dem technoiden Detroit tief verwurzelte, kleine Szene (ja, im Rheinland und Schwarzwald auch, bitte keine Beschwerden von dort! Ihr seid dort in der Minderzahl.).

banq.de: 1998 eröffnetest du mit Bonsai den Plattenladen Melting Point. Wie kam es dazu?
Karsten: Bonsai hatte 1998 einen Plattenladen geplant. Ich war der ergänzende Teil für das Geschäftliche und konnte mich beruflich zufällig freimachen. So eröffneten wir im Sommer 1998 das "Melting Point Dresden" in Absprache mit dem Namensgeber "Melting Point Berlin".

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Da wir unabhängig sein wollten, habe ich das Ganze dann in den "Fonic Recordstore" umbenannt. Unser Schwerpunkt war nicht nur das Vinyl, sondern eben vorrangig das, was wir musikalisch selber mögen.

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Sicherlich bin ich aber auch mit dem "Hard Wax" irgendwie schon immer geistig verbunden, ich war auch früher schon Mailorderkunde des "Hard Wax Berlin" und kenne noch deren alten Laden in der Reichenberger Straße. Auf Grund der Wirtschaftlichkeit und anderen beruflichen Herausforderungen habe ich unseren Plattenladen in Dresden nicht mehr fortführen wollen, Bonsai alleine aber auch nicht. Inzwischen ist die Ladenlandschaft eh viel kleiner geworden, da nun leider nicht mehr immer Vinyl genutzt wird (und die Platten nicht immer besser als früher sind! ;-)

banq.de: Und daraus ist dann letztendlich "Melted Recordings" entstanden?
Karsten: Die Namensgebung bei "Melted Recordings" ist naheliegender Weise in Anlehnung zum damaligen Plattenladen entstanden, aber das Label war immer vollständig getrennt vom Plattenladen; und von mir alleine betrieben worden. Durch den guten Kontakt zu dem Umfeld an Künstlern, Kunden und Freunden sah ich eben den Bedarf für die Gründung des Labels. Wenn alle im Umfeld andere Schwerpunkte und Fähigkeiten haben, dann war dies offensichtlich meine Aufgabe, so etwas aufzuziehen. Ich bin eben kein DJ oder Veranstalter.

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Natürlich liegt die Gründung auch an dem genialen Track "Parafin" vom Echtzeit aka Frank Rumpelt (DJ Slide), welcher ebenfalls für die "Gappy-CD" lizenziert wurde.
Und auch zu Pro.ton hatte ich damals auch sehr guten Kontakt. Er hat zwar manchmal, mit jemandem zusammen, heftigeren Techno produziert, aber eben sonst mit seinen Tracks mehr den deepen dubbigen melted-Sound gemacht hat. So entstand die Mtd.002 von ihm und sein "are friends electric?" auf der dd2000-Compilation.

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banq.de: Der Sound von Melted Recordings ist ja sehr speziell. Die Begriffe Dub- und Deeptechno beschreiben ihn am besten und man könnte durchaus musikalische Vorbilder wie Basic Channel ausmachen. Ist da auch Raum für anderes?
Karsten: Grundsätzlich habe ich persönlich ein doch ungewöhnlich breites Spektrum an elektronischem Musikgeschmack. Daher muss ich als erstes aufpassen, dass auf "Melted Recordings" nur eine bestimmte Bandbreite veröffentlicht wird, aber natürlich ist Raum für Entwicklung, weil die Zeit nicht stehen bleibt - auch wenn man nach 20 Jahren nun an etlichen Klassikern hängt.

Sicherlich habe ich damals selbst so einen Sound vor über 10 Jahren nicht gemacht – das konnten andere eben immer besser, jeder für sich auf seine Art und Weise. Fakt ist, dass Releases oft auch deshalb gerechtfertigt sind, weil sie ein "Alleinstellungsmerkmal" oder besonderen Wiedererkennungswert haben: so etwas macht niemand anderes.

Leider gibt es ja schon immer und überall eine Flut an "austauschbaren" Produktionen, die nach meiner Meinung nicht alle veröffentlicht werden müssten. Das beobachte ich zurzeit bei den zahllosen Deephouse-Releases, auch wenn der Sound für mich, kritisch betrachtet, sicherlich sehr gut ist. Über den Sammelbegriff "Minimaltechno" möchte ich mich lieber nicht auslassen ... wobei das alles wie immer auch Geschmackssache ist.

Eines ist über die Jahre unverkennbar und nicht zu bestreiten: die "Protagonisten" werden älter und das richtig Raue wird vielleicht anspruchsvoller, was aber auch den heutigen Möglichkeiten geschuldet ist. Wirklich interessant finde ich hier das makro-regionale daran: Striesen mit seinem Schwerpunkt – ist das Zufall oder motiviert man sich oder beeinflusst man sich irgendwie gegenseitig?

banq.de: Ja, interessant ist, dass der Künstlerkreis von Melted wie Echtzeit, Kryptic Universe oder neuerdings auch Insect O. alle aus Striesen stammen. Du selbst wohnst nun auch dort. Gibt es da einen Bezug? Liegt es wirklich am Eis vom Eiscafe Lösch? :-)
Karsten: Ob es am Eis liegt möchte ich nicht behaupten, ja vielleicht oder es tut doch nix zur Sache. Ich bin ja vielleicht auch nur Rand-Striesener, immerhin war ich nie DSL-geschädigt ;-), wohne aber nun auch schon seit 16 Jahren auf der gleichen Straße an der Grenze zu Striesen.
Vielleicht liegt es auch an der Ruhe, die wir hier haben und an der Abgeschiedenheit des neustädter Tumultes, dass da was anderes rauskommt.

Aber es ist schon spannend, dass dieser Sound ausgerechnet aus Striesen kommt. Dresdens Musikszene blüht gerade wie selten zuvor und es gibt natürlich noch andere gute Labels in und um Dresden, aber keines was eben diesen speziellen Sound vertritt - da füllt, wie ich vorhin schon sagte, Melted eine Lücke.

Dieser Sound war und ist keine Musik der Masse. Diese Musik ist eine Herzenssache – ich könnte niemals etwas veröffentlichen, was ich selber nicht hören würde. Da ist es auch verständlich, dass nicht alles Tolle der Künstler auch auf Melted passt und released werden kann.

Wir haben auch nicht den Anspruch Dresden zu repräsentieren. So etwas habe ich ansatzweise mit einer wirklich quer gemischten Dresden-2000-Compilation versucht. Heutzutage ist so etwas schwieriger, allein schon mangels fehlender Zusammenarbeit der unterschiedlichsten Gruppen/ Richtungen.

banq.de: Also ist Melted eher ein Künstlerkollektiv, welches sich über den Sound definiert?
Karsten: Ja genau. Es ist ursprünglich im Grunde als Freundes-, bzw. über das damalige Umfeld, als regio-Dresden-Ding gestartet. Vor allem aber, weil wir diese Vorlieben für Deep-, Dub und Detroittechno teilen. So kam es auch anfangs schon zu der organisatorischen Zusammenarbeit mit Freunden.

Aktuell ist es so, dass Oliver von Etui den Digitalvertrieb betreut und mich bei der Labelarbeit unterstützt; ein alter Bekannter, Wieland, gestaltet nun das Artwork und Heiko von Schnittecht betreut das Mastering und den Vinylcut. Darüber hinaus sind natürlich jeweils die Künstler eng mit dem jeweiligen Release verbunden.

banq.de: Seit dem Relaunch von "Melted Recordings" im letzten Jahr steht ja einiges in den Plattenläden und die internationale Resonanz ließ nicht lange auf sich warten.
Karsten: Der Restart war im vergangenen Sommer mit der mtd.004 Kryptic Universe's "Ha-Lo EP", die das Berliner "Hard Wax" glücklicherweise prompt in den Vertrieb genommen, was keine Selbstverständlichkeit ist.

Als spezielles follow-up der 004 dann die 005, auch von Kryptic Universe mit "Diffusion Tracks" als 10", die noch in den Plattenläden steht.

Zum Jahresende folgte die mtd.006 - Echtzeit's "CL Versions", welche neben zwei Dubtechno-Tracks auch zwei, für ihn typische, ruhige Elektrotracks enthält. Dazu sind die alten Releases noch in geringer Auflage erhältlich.

Wir haben für Vinyl, wie auch MP3, feste Vertriebspartner und unsere Musik ist mittlerweile auch in allen guten digitalen Download-Portalen erhältlich.

banq.de: Also können wir uns auf welche neuen Releases freuen?
Karsten: Im Mai erscheint die schon länger geplante mtd.007 Kryptic Universe: "Sterling Sea". Diesmal ganz in einem klaren Thema vom Sound, den Tracks bis hin zum Vinyl-Artwork. Dazu gibt es am 30.04.2011 im "Club der Republik" ein "Melted Recordings"-Showcase im Rahmen der "Resonance"-Reihe mit Kryptic Universe und mir, als ka.pe, live; sowie DJ-Sets von DJ Slide aka Echzeit und Insect O.

An Releases wird es Remixe der mtd.006 geben und von Insect O. ist auch eine EP in Arbeit. Mehr wollen wir noch nicht verraten, es gibt immer was in der Queue und manchmal findet man auch alte DATs im Keller. ;-)

banq.de: Wir bedanken uns für das umfangreiche Interview und wünschen auch weiterhin kreative Ideen und gutes Gelingen.

banq.de (27.04.2011)
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