
°übersicht
KünstlerportraitWolfgang Voigt |
°spezialKünstlerportraitWolfgang VoigtVor langer Zeit durch das Distillery-Printmagazin DRUNK angeregt, ...
Auf einen Blick
Wie fasst man das Schaffen eines Musikers und Künstlers in drei Sätzen zusammen, der seit Mitte der 90er Jahre über 160 Releases unter mehr als 30 verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht hat, gemeinsam mit seinem Bruder Reinhard als Wegbereiter des Minimal Techno in Deutschland zu werten ist und gleichzeitig als einer der wichtigsten Vertreter der Kölner Techno-Szene gilt, der er darüber hinaus mit dem Label KOMPAKT ein weithin gerühmtes Sprachrohr gegeben hat?
Thamash: Wolfgang, du hast einmal gesagt, dass du vor gut 10 Jahren kein Vortragskonzert vor einem sitzenden, gewissermaßen aufmerksam zuhörenden Publikum gewollt hättest. Heute willst du genau das. Was ist für dich nun der Reiz und die Herausforderung dieser eher konservativen Konzertform?
Wolfgang Voigt: Das bezog sich auf die 90er Jahre in denen ich zwar schon sehr viel ambiente "Zuhörmusik" veröffentlicht hatte, aber die Ausgehgewohnheiten zu dieser Zeit noch sehr auf Technoclubs und Tanzen beschränkt waren. Ich konnte mir zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, vor einem "gewissermaßen aufmerksam zuhörenden Publikum" zu spielen.
Thamash: Ist dieser Ansatz, minimale Klangästhetik in einem ganzheitliche Rahmen von Medienkunst zu integrieren und weiter zu denken, auch als Gegenentwurf zur inflationärer und austauschbaren Minimal-Welle in den Clubs und damit als Aufwertung elektronische Musik als Einzelwerk zu verstehen? Wolfgang Voigt: Das kann ich nur für mich und meine Musik beantworten. Als ich vor ein paar Jahren nach langer kreativer Pause wieder anfing, verstärkt Musik zu machen, war schnell klar, dass ich der inflationären, austauschbaren Minimal-Welle nichts mehr hinzuzufügen habe. Auch als ich noch hauptsächlich Techno gemacht habe, habe ich mich immer mehr als individueller Künstler begriffen, denn als jemand der anonyme Funktionsmusik für DJs macht. Das heißt nicht das ich was dagegen hätte, nur war das nie mein Ding.
Thamash: Ist der Titel deines aktuellen Ambient-Projekt "Rückverzauberung" auch wörtlich und programmatisch zu verstehen als eine Art von Transformation zurück in einen Urzustand? Die Komposition des fast gleichnamige, letzten Releases "Rückverzauberung 6" auf MAGAZINE07 hast du nach eigenen Angaben einer "Entdeutung" unterzogen. Wie ist diese Loslösung von der eigentlich Klangbedeutung zu verstehen? Wolfgang Voigt: Begriffe wie "Rückverzauberung" und "Entdeutung" beschreiben gewissermaßen einen zentralen künstlerischen Grundansatz, den ich schon seit sehr langer Zeit verfolge. So wohl in meiner Musik als auch in meiner Kunst geht es mir darum, externen Klang und Bildquellen, die ich in der Regel nach bestimmten ästhetischen Vorlieben selektiert habe, ihre ursprüngliche Form, Bedeutung zu nehmen, indem ich sie mit diversen Bearbeitungstechniken so lange in Richtung Abstraktion deformiere, bis sie wieder von so etwas wie Komposition, Arrangement, eben von der Absicht des Autors befreit, sozusagen "rückverzaubert" sind. So entsteht in meiner Vorstellung Neues.
Thamash: Letztlich ist dein Auftritt Ende Juli in Dresden als kleinen Ausblick auf die CYNETART 2012 zu verstehen. Was dürfen wir dann im November zur kommende Festivalausgabe von dir erwarten? Wolfgang Voigt: Für November ist ein Auftritt von MOHN geplant. Ein anderes neues Projekt, das ich zusammen mit meinem langjährigen Weggefährten Jörg "The Modernist" Burger betreibe. Ähnlich wie "Rückverzauberung" ist auch MOHN ein Non-Stop- Vortragskonzert für ein zuhörendes Publikum. Allerdings kommt MOHN mit einer aufwendigen Visualisierung in Form von Kino bzw. Theater daher. Die Musik ist eine moderne, eher düster-narkotische Mischung aus Ambient-Grunge sowie 70er und 80er Kraut- und Elektronik-Zitaten in Zeitlupentempo.
Thamash Kestawitz (15.07.2012)
|